Vorsicht Wildtierwechsel: Elche und andere Tiere kreuzen in Alberta gerne mal die Fahrbahn.

Vorsicht Wildtierwechsel: Elche und andere Tiere kreuzen in Alberta gerne mal die Fahrbahn.
Kanada auf eigene Faust entdecken, spontan anhalten und einfach dort bleiben, wo es am schönsten ist: Dafür steht das Open Roads Feeling. Mit dem Mietwagen oder Camper wird schon der Weg zum Erlebnis – mit endlosen Weiten, beeindruckenden Landschaften und unvergesslichen Begegnungen unterwegs.
Was die kanadische Provinz Alberta für einen solchen Roadtrip besonders macht, verrät uns Martina Schäfer von Travel Alberta Deutschland im Interview. Mit persönlichen Lieblingsorten, Geheimtipps und Empfehlungen zeigt sie, wie vielfältig sich die Provinz auf vier Rädern entdecken lässt. Und weil Kanadas Straßen noch viele weitere Abenteuer bereithalten, führt uns ein zweites Interview in die Region Cariboo Chilcotin Coast in der Provinz British Columbia. Auch dort dreht sich alles um die grenzenlose Freiheit, Kanada auf eigene Faust zu erkunden.
CANUSA: Wenn Besucherinnen und Besucher nur einen Tag Zeit hätten, wohin würden Sie ihnen als Erstes empfehlen zu gehen – und was macht diesen Ort so unverzichtbar?
Schäfer: Wenn wirklich nur ein Tag bleibt, würde ich Lake Louise mit einem Stück des Icefields Parkway verbinden. Dort erlebt man auf engem Raum das Alberta, das viele im Kopf haben: türkisfarbenes Gletscherwasser, schroffe Gipfel, weite Täler und eine Straße, hinter deren nächster Kurve schon wieder ein vollkommen neues Panorama wartet. Diese Landschaft ist nicht nur fotogen – sie vermittelt sofort die enorme Größe und Wildheit der Provinz. Mein Tipp: Wenn immer es möglich ist, sollte man Lake Louise unbedingt in der Nebensaison zu besuchen!
Aber glauben Sie mir: Kanadas Alberta hat weit mehr als nur einen Tag verdient.
CANUSA: Welche Ecke von Kanadas Alberta lieben die Einheimischen, obwohl sie in einem typischen Reiseführer nicht ganz oben steht?
Schäfer: Ein idealer Abschnitt für einen Roadtrip abseits der bekannteren Routen ist David Thompson Country rund um Nordegg und den Abraham Lake. Viele Einheimische schätzen die Region, weil sie spektakuläre Rockies-Landschaften bietet, sich aber ursprünglicher und ruhiger anfühlt als die bekannten Nationalparkorte. Wasserfälle, Canyons, Wanderwege und der David Thompson Highway machen sie zu einer idealen Region für alle, die Albertas wilde Seite abseits der großen Namen erleben möchten.

Türkisblaues Wasser und mächtige Gipfel: Blick über den Abraham Lake zum Allstones Peak.

CANUSA: Gibt es einen Ort, den man eher zufällig entdeckt, anstatt gezielt dorthin zu gehen?
Schäfer: Wayne in den Canadian Badlands ist bei einer Fahrt durch die Region ein überraschender Zwischenstopp. Man fährt durch eine dramatische Landschaft aus Coulees und Hoodoos, überquert auf wenigen Kilometern zahlreiche kleine Brücken und steht plötzlich vor dem historischen Last Chance Saloon. Genau diese Mischung aus ungewöhnlicher Anfahrt, Bergbaugeschichte, Westernatmosphäre und herzlicher Gastfreundschaft macht den Abstecher unvergesslich.
CANUSA: Was überrascht Erstbesucherinnen und Erstbesucher fast immer, obwohl sie es eigentlich vorher hätten wissen können?
Schäfer: Bei einem Self-Drive-Roadtrip überraschen vor allem die Dimensionen. Auf der Karte wirken viele Ziele nah beieinander, doch die kanadische Provinz Alberta ist riesig – und die Landschaft kann sich innerhalb weniger Stunden von Hochgebirge über Prärie bis zu Badlands und borealem Wald verändern. Ebenso überraschend ist das Wetter: Sonnenschein, Wind und ein deutlicher Temperatursturz können am selben Tag auftreten. Gerade deshalb gehören Zeit, flexible Planung und mehrere Kleidungsschichten zu jeder guten Reise.
CANUSA: Welche Jahreszeit zeigt Ihre Region von ihrer besten Seite – und was sollte man in dieser Zeit auf keinen Fall verpassen?
Schäfer: Für einen Roadtrip durch Alberta ist für mich der frühe Herbst besonders schön. Im September färben sich Espen und Lärchen gold, die Luft wird klarer und die Landschaft bekommt ein warmes Licht. Eine Wanderung durch die Lärchenwälder der Rockies, eine Fahrt über den Cowboy Trail oder ein Besuch der Badlands in der ruhigeren Nebensaison sollte dann unbedingt auf dem Programm stehen.

Freiheit auf vier Rädern: Mit dem Camper durch die Weiten Albertas
CANUSA: Wenn Ihre Region ein Gericht wäre: Was läge auf dem Teller – und wo kann man es am besten probieren?
Schäfer: Auf dem Teller lägen Alberta Beef oder Bison, dazu Wurzelgemüse, Gerste und eine Sauce aus Saskatoon-Beeren – bodenständig, regional und zugleich überraschend modern. Auf einem Roadtrip lässt sich diese Küche besonders gut in Restaurants erleben, die eng mit lokalen Farmen und Ranches arbeiten, zum Beispiel im River Café in Calgary oder im RGE RD in Edmonton.
CANUSA: Welches Souvenir sollte bei der Abreise auf keinen Fall im Gepäck fehlen?
Schäfer: Etwas, das wirklich in Alberta hergestellt wurde: beispielsweise ein kleines Kunst- oder Schmuckstück direkt von Indigenous Artists oder ein lokaler Whisky aus Alberta-Getreide. Wichtig ist, bei Indigenous Art auf authentische, Indigenous-owned Anbieter und die Herkunft des Stücks zu achten. So nimmt man nicht nur ein schönes Erinnerungsstück mit, sondern unterstützt zugleich die Menschen und Geschichten hinter dem Produkt.
CANUSA: Wo befindet sich der perfekte Ort für eine kurze Pause, wenn man dem Trubel entkommen möchte?
Schäfer: Mein Rückzugsort liegt im Winter in den Rockies: Auf einem Self-Drive-Roadtrip sind Banff, Lake Louise und Jasper ideale Stopps, um verschneite Landschaften in eigenem Tempo zu erleben. In Banff und Lake Louise locken Pisten, Bergpanoramen und gemütliche Lodges; im Jasper National Park geht es rund um Marmot Basin etwas ruhiger zu. Wer eine Pause vom Skifahren einlegen möchte, kann Schneeschuhwandern, Schlittschuhlaufen oder die stille Winterlandschaft genießen.

Rasant bergab: Im Sunshine Village warten steile Abfahrten vor der Kulisse der kanadischen Rockies.
Was muss man tun, um hier als Einheimischer durchzugehen?
Mehrere Kleidungsschichten tragen, die Wetter-App nicht für eine Garantie halten und auch für kurze Strecken genug Zeit einplanen. Dazu freundlich grüßen, lokale Cafés und kleine Betriebe ausprobieren und sich draußen selbstverständlich respektvoll verhalten. Wer außerdem weiß, dass ein ‚kurzer Abstecher‘ in Alberta schnell einige Hundert Kilometer bedeuten kann, ist schon ziemlich nah dran.
CANUSA: Was sollten Reisende unbedingt vermeiden?
Schäfer: Reisende sollten Entfernungen, Wetter und Wildtiere niemals unterschätzen. Eine zu dicht geplante Self-Drive-Route nimmt der Reise ihre Leichtigkeit; bei Tieren sind Abstand und Respekt entscheidend – niemals füttern oder für ein Foto näher herangehen. In sensiblen Landschaften gilt außerdem: auf ausgewiesenen Wegen bleiben und den Ort so hinterlassen, wie man ihn vorgefunden hat.

Keine Seltenheit in Kanadas Alberta: Wildtiere begegnen Reisenden manchmal direkt auf der Straße.
CANUSA: Was steht ganz unten auf Ihrer persönlichen Liste der sehenswerten Orte?
Schäfer: Ganz unten steht für mich kein bestimmter Ort, sondern die Art zu reisen, bei der man nur berühmte Fotostopps abhakt. Wer mittags kurz an einem überfüllten Aussichtspunkt hält und sofort weiterfährt, sieht zwar das Motiv, erlebt aber kaum den Ort. Auf einem Roadtrip lieber weniger Stationen wählen, früh starten und Zeit für eine Wanderung, ein Gespräch oder einen ungeplanten Abstecher lassen.
CANUSA: Was würden Sie Freunden zeigen, die nicht zum ersten Mal hier sind und mehr als nur die bekannten Sehenswürdigkeiten entdecken möchten?
Schäfer: Für einen zweiten Roadtrip würde ich bewusst eine Route abseits der klassischen Rockies-Strecke wählen: über Nordegg und David Thompson Country in die Badlands, weiter zu Writing-on-Stone/Áísínai’pi und in den Crowsnest Pass. Alternativ lohnt sich von Edmonton aus Métis Crossing. Dort verbinden sich Landschaft, Geschichte, Kulinarik und persönliche Begegnungen zu einem deutlich tieferen Bild von Kanadas Alberta. Oder aber Canmore und das Kananaskis. Canmore ist eine charmante Kleinstadt am Rand der Rockies, die mit gemütlichen Cafés, Kunstgalerien und lokalem Flair begeistert. Gleich daneben liegt Kananaskis Country – ein Paradies für Outdoor-Liebhaber, das weniger touristisch ist als Banff. Hier erleben Besucher alpine Landschaften, einsame Trails, kristallklare Seen und die authentische Ruhe der Berge. Ein ganz toller Routenabschnitt ist z. B. Waterton Lakes National Park über den Hwy 40 (sehenswert wie der Icefields Parkway) in den Peter Loughheed Provincial Park.
CANUSA: Vervollständigen Sie den Satz: Wer einmal hier gewesen ist, kommt wieder, weil …
Schäfer: … weil ein einziger Roadtrip niemals ausreicht, um alle Seiten Albertas kennenzulernen. Beim ersten Besuch faszinieren meist die Rockies; beim nächsten entdeckt man das Dinosaurierland, die Indigenous Culture, die Prärie, die Ranches, die Seen und die kreative Energie von Calgary und Edmonton. Die kanadische Provinz Alberta belohnt Neugier – besonders dann, wenn man die bekannten Routen verlässt.

Langsam durch das Wasser gleiten: Entspannte Kanufahrt vor der Halbinsel Spirit Island am Maligne Lake.
Trickkiste für Alberta |
| Beste Reisezeit Juni bis September. Lange Tage, offene Straßen, beste Roadtrip-Zeit. |
| Typisches Tempo der Stadt/Region Gang raus und schauen. In Alberta ist der Weg ziemlich oft das Ziel. |
| Gut zu wissen Berge, Sonne, Regen? In den Rockies kann an einem Tag einiges zusammenkommen. |
| Ideal für … Camper-Fans, Roadtripper, Wanderer und Menschen mit einer Schwäche für ziemlich große Landschaften. |
| Lage & Erreichbarkeit In Calgary landen, Auto oder Camper übernehmen und ab Richtung Rockies. |
